Der Interdisziplinäre Arbeitskreis Gesangbuchforschung und der Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz veranstalten zusammen mit der Vereinigung Kultur – Liturgie – Spiritualität e.V. ein Expertenkolloquium über das Kirchenlied in Böhmen.

Identität und Migration. Zum Kirchenlied in Böhmen
Beginn: Mittwoch, 19.09.2012 (um 18:00 Uhr)
Ende: Freitag, 21.09.2012, 12:00 Uhr
Ort: Universität Mainz, Gesangbucharchiv
Schlussvortrag: Forum 7, Hörsaal 13

Grundgedanke:

In Böhmen bzw. Tschechien bestand schon seit dem Hochmittelalter eine faktische Interkulturalität. Die wechselnden Identitäten, die sich im Verlauf der Geschichte der Neuzeit herausgebildet haben, waren zumeist Resultate von Migrationen. Der Fokus der Tagung richtet sich insbesondere auf die Einwanderung und schließlich Rückwanderung (seit 1945) deutschsprachiger Bevölkerungen und ihre Folgen für die jeweils entstehenden kulturellen Identitäten. Kirchenlieder und Gesangbücher werden als Indikatoren für Identität betrachtet. Inwiefern zeigen sich an ihnen Anziehungs- und Abstoßungsreaktionen? Welche Rolle spielen sie für die Entstehung von Selbstbildern (Identitäten) und Feindbildern (Alteritäten)? Was tragen sie zur Herausbildung und zur Überwindung von nationalen und konfessionellen Stereotypen bei? Gab oder gibt es ein „böhmisches“ Selbstbewußtsein, das sich im Kirchenlied spiegelt, und welche Geschichte hat es? Es handelt sich um hochkomplexe Phänomene. Da gab es die deutschen Einwanderer des 16. und 17. Jahrhunderts – Berghauer im Erzgebirge, katholische Glaubensflüchtlinge während des 30-jährigen Kriegs, Konvertiten –, die reiche hymnographische Tradition der tschechischen protestantischen Glaubensflüchtlinge, weitere Wanderungsbewegungen im 18. Jahrhundert, dann Konsolidierungen im Zuge der josephinischen Aufklärung (18. und 19. Jahrhundert), schließlich im 20. Jahrhundert die Vertreibungen nach 1945 und die erfolgte oder fehlgeschlagene Integration des betreffenden Liedguts in Westdeutschland. Im Tross der realen Migrationen wandern die kulturellen Strömungen, wandern Stoffe, Lieder, Melodien, wirken sich jesuitische, pietistische, aufklärerische und national-politische Einflüsse auf die Identitäten aus. Die nationalen und konfessionellen Grenzen wurden kirchenlied- und gesangbuchgeschichtlich auf der einen Seite geradezu zermahlen, aber auf der anderen Seite auch verdichtet.

Aus dem Programm:

Prof. Dr. Hermann Kurzke (Mainz): Zum Liedbestand des katholischen Gesangbuchs Königgrätz 1730. Mit einer Einführung in das Gesangbucharchiv
der Universität Mainz

Dr. Ute Evers (München): Deutsch-tschechischer Melodienaustausch in Gesangbüchern des 16. Jahrhunderts

Dr. Marie Škarpová, Dr. Tomáš Slavický (Prag): Die deutsch-tschechischen Begegnungen im Gesangbuch „Jesličky“ von Fridrich Bridelius

Dr. Peter Ruscin (Bratislava): Der geistliche Kirchengesang auf der Zips in der Barockzeit

Prof. Dr. Hermann Kurzke, Dr. Christiane Schäfer (Mainz): Eger und „Ave Maria zart“ (1675)

Doc. Mgr. Jan Malura Ph. D. (Ostrava): Das Kirchenlied der böhmischen Exulanten im 18. Jahrhundert

Dr. Franz Schäfer (Köln): Böhmische Gesangbücher der Aufklärung

Dr. Krisztina Frauhammer (Szeged): Martin von Cochems Gebetsbücher im Dienst der Identitätsbewahrung der Ungarndeutschen

Dr. Jan Kvapil (Ústí): Beitrag zu den kirchlichen Liedern sowie profanem Liedgut als identitätsstiftendes Phänomen in ausgewählten schulischen Gesangbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts

Dr. Elisabeth Fillmann (Trier): Böhmische Gesangbuchdruckorte und -drucke des 20. Jahrhunderts

Prof. Dr. Ansgar Franz, Dr. Christiane Schäfer (Mainz): Das Liedgut der Heimatvertriebenen in den westdeutschen Diözesen

Zum Flyer.